FÜR EINE STARKE SCHÄL SICK, FÜR EIN STARKES KÖLN

UNSER STATEMENT ZUM 1. KÖLNER LEBENSLAGENBERICHT

In diesem Frühjahr hat die Stadt Köln den ersten Lebenslagenbericht veröffentlicht, bei dem die Gegebenheiten der einzelnen Stadtteile dargestellt werden. Der Bericht zeigt, wie unterschiedlich Wohlstand, Bildung und städtische Mittel bei uns verteilt sind – und damit auch Chancen. Insbesondere die rechtsrheinischen Stadtteile (hervorzuheben sind hier die Stadtteile Mülheim, Finkenberg, Kalk und Porz) sind von dieser Ungleichheit betroffen. Der Kulturbunker hat dies zum Anlass genommen, verschiedene Akteur*innen, Vereine und Organisationen der Schäl Sick zu einem Werkstattgespräch einzuladen und sich der Frage zu widmen: Wie ungleich ist Köln?

Von Sarah Plueckthon

 

Am 16.09.2021 fand in unserem Biergarten eine Podiumsdiskussion, geleitet vom WDR-Moderator Hamzi Ismail, mit Dr. Dietrich Engels vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik und Dr. Kemal Bozay von interkultur e.V. statt.

Zu Beginn wurde der Bericht und sein Eruieren von Dr. Engels dargestellt: Anders als bei bisherigen, wissenschaftlichen, städtepolitischen Forschungen (damals: Armuts- und Sozialbericht), wird im Lebenslagenbericht eine Einteilung von Vier Lebensphasen vorgenommen: Kindheit und Jugend, jüngeres Erwachsenenalter, mittleres Erwachsenenalter und Seniorenalter. Diese Personengruppen wurden dann hinsichtlich ihrer finanziellen-, familiären-, beruflichen- und Wohnverhältnisse, sowie ihrer gesundheitlichen Situation und aktuellem Bildungsgrad untersucht. Laut Dr. Engels soll der Bericht ein breites Spektrum, mit diversen Gegebenheiten über die Bevölkerung Kölns liefern. Das Ergebnis dieses Berichtes stellt für die Besucher*innen des Abends, welche sich beruflich und privat als engagierte zivilgesellschaftliche Akteur*innen verstehen, keine Überraschung dar: Von 86 untersuchten Stadtteilen könnten 16 als solche mit erhöhten Problemlagen identifiziert werden, darunter Bocklemünd/Mengenich, Buchforst, Buchheim, Chorweiler, Finkenberg, Gremberghoven, Humboldt/Gremberg, Höhenberg, Kalk, Lindweiler, Meschenich, Mülheim, Neubrück, Ostheim, Seeberg und Vingst. Gemein ist diesen Stadtteilen, dass sie sich vorrangig auf der sogenannten Schäl Sick befinden und sich in ihrer Bewohnerschaft ähneln: ein hoher Anteil an Kindern und Jugendlichen, Nichtwählern, Arbeitslosigkeit und (in entfernter Generation) Migrationshintergrund. So heterogen die Bewohnerschaft dieser Stadtteile, so homogen häufig das Lebensgefühl. Der Bericht hat ergeben, dass sich nur jede dritte Person in ihrem Stadtteil zufrieden fühlt.

Auf dem Podium herrscht ein Konsens über die Gegebenheiten der ungerechten Ressourcenverteilung seitens der Stadt Köln und den daraus resultierenden Herausforderungen. Dr. Kemal Bozay, als Geschäftsführer von interKultur untermauerte diese These, basierend auf Erfahrungsberichten des Vereins bei aufsuchender Sozialarbeit in Mülheim und liefert bereits konkrete Lösungsvorschläge: es bedarf mehr Partizipation im Sozialraum und bei der Erstellung von Begegnungsorten, die finanziell jedoch schwer realisierbar sind. Es herrscht der Eindruck, dass die Stadt ein höheres Budget für Großprojekte im linksrheinischen ansetzt und für kleinere Stadtteilprojekte nur wenig finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Besonders betroffen seien hier Kinder und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Im Publikum stieß Bozays These auf ungeteilte Zustimmung. Die anwesenden Zuschauer*innen berichten von ihren individuellen Herausforderungen in der Arbeit in den Stadtteilen und teilen das Gefühl, dass die Vernachlässigungen der Stadt auf dem Rücken engagierter Zivilakteur*innen und Sozialarbeiter*innen ausgetragen werde. Eine zunehmende Unzufriedenheit wird deutlich und Lösungsansätze, zu den im Lebenslagenbericht eruierten Problemen, seitens der Stadt fehlen. Auch Hr. Dr. Engels bemerkt, dass der Lebenslagenbericht kein ausdifferenziertes Handlungskonzept liefert. Dr. Bozay ergänzt, dass zudem eine Ursachenanalyse fehlt. Zum Ende des Werkstattgespräches öffnete Hr. Ismail den Raum für Fragen und Statements aus dem Publikum, welcher zu einer regen Diskussion führte. Die Fragen blieben jedoch offen. Wie schaffen wir es diese Ungleichheit zu überwinden? Welche Schlussfolgerungen zieht die Stadt Köln aus dem Lebenslagenbericht?

„Der Bericht ist eine Aufforderung an uns alle, die Lebenslagen der Menschen in unserer Stadt, die von Armut betroffen oder bedroht sind, zu verbessern. Ich wünsche mir, dass auf Grundlage dieses Berichts eine breite Diskussion in der Kölner Stadtgesellschaft darüber angestoßen wird, wie dies gelingen kann. (Oberbürgermeisterin Reker im Vorwort des Lebenslagenberichtes, Mai 2021)

Die Veranstaltung im Kulturbunker war dieser erste Anstoß. Köln darf keine Stadt der geografischen Klassengesellschaft werden. Es ist anzunehmen, dass sich die Lebensrealitäten vieler Menschen in den nächsten Jahren weiterhin verschlechtern werden, die Pandemie hat viele bereits vorhandenen Defizite, noch verschlimmert. Es wird Zeit das Ungleichgewicht auszugleichen. Leider konnte kein*e politische Akteur*in an der Veranstaltung, aufgrund der bevorgestandenen Wahl und dem daraus resultierendem zeitlichen Mangel, partizipieren. Deswegen initiieren wir hiermit eine Folgeveranstaltung und bitten die politischen Akteur*innen auf die Bühne.

Wir haben Fragen und fordern Antworten und ein Umdenken der bisherigen, vorherrschenden Strukturen.

Gemeinsam wollen wir lösungsorientierte Ideen und Konzepte entwickeln, Seite an Seite mit Vertreter*innen der Stadt Köln. Die Stadtgesellschaft ist bereit, ist es die Politik auch?

Für eine starke Schäl Sick, für ein starkes gemeinsames Köln!

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